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Keine Gnade für die Wade (von Istanbul bis Kappadokien)

Zu Gast in einem Radshop in Istanbul:
Wie im letzten Blogeintrag vor ca. einer Woche erwähnt, machten wir uns am 8. August zeitig auf den Weg, um noch ein paar kleine Reperaturen an unseren Rädern erledigen zu lassen. Wir fanden uns vor einem kleinen Radgeschäft wieder. Der Ladenbesitzer, ein junger  Typ (nicht viel älter als wir), erschien auf einem alten Fahrrad mit Nabenschaltung und grinste schon von Weitem, als er uns sah. Er sperrte sein Geschäft an diesem Tag nur für uns auf. Die erste Frage, die er uns über ein Übersetzer-App am Handy fragte, lautete:“ Habt ihr schon gefrühstückt?“ Als er den Radshop aufsperrte und wir die Räumlichkeiten betreten konnten, wussten wir sofort, dass wir in guten Händen waren. Eine kleine, aber feine Wekstatt. Die Wände waren mit Alben von Pink Floyd verziert, die auf einem kleinen Schallplattenspieler aufgelegt werden konnten. Emirhan war ein sehr dynamischer und motivierter junger Typ, der anscheinend, ähnlich wie wir, die Einstellung pflegte:“ Nicht Alles, was alt ist, hat ausgedient!“ Indizien dafür waren für mich das alte Fahhrad, auf dem er erschien, die Alben von den Pink Floyd, der Schallplattenspieler und die kleine, bescheidene Werkstatt. Ich persönlich finde es immer toll, wenn speziell junge Menschen Dinge aus der Vergangenheit wieder mehr zu schätzen lernen und nicht jedem Trend der Gegenwart (wo viele auf mich komplett vom Sinn entkoppelt zu sein scheinen),  völlig blind folgen. 
Emirhan hatte uns schnell zwei Kaffee zubereitet und ergriff zielsicher mein Fahhrad, an dem eine Schraube gebrochen war. Wir nahmen derweil Außen Platz, denn jeder Techniker weiß:“ Es gibt nichts Unangenehmeres, als Kundschaft, die einem ständig beim Werken kritisch über die Schultern schaut!“ Als er die gebrochene Schraubenhälfte relativ schnell aus der Gabel gebohrt hatte, machte er noch ein paar allgemeine Serviceinspektionen und setzte sich danach zu uns auf den Tisch. Wenig später tauschten wir bereits Kontaktdaten. Die Pink Floyds, die britische Kultband, die mit ihrem Welt-Hit „Another Brick in the Wall“ in den 70gern das autoritäre Schulsystem der Nachkriegszeit anprangerten, spielten im Hintergrund, als Emirhan die Kette an Simon’s Rad im Handumdrehen wechselte. Als uns beim Bezahlen etwas spanisch vorkam, da der Betrag nur 120 türkische Lira ausmachte und somit billiger als die mit 33€ angeschrieben Kette war, die wir noch vom Besuch beim Kollegen offen hatten, war Emirhan sehr dankbar für unsere Ehrlichkeit. Er schien nämlich nicht informiert gewesen zu sein, dass wir die Kette am Vortag noch nicht bezahlt hatten. Der Abschied fiel uns schwer, aber in Emirhan’s Augen glaubte ich zu erkennen, dass er uns zukünftig in seinem drei Monate alten Bike-Shop mit einem Foto zwischen den Alben verewigen wird. Das werden wir in ein paar Jahren nochmal nachprüfen haha.

Die Fahrt von der Metropole Istanbul bis ins türkische Hochland:

Das Fahrradfahren in den Ballungsräumen von Großstädten kann oft richtig mühsam sein. Der ständige Start und Stopp-Verkehr und die alten, rußenden PKWs und LKWs machen das stadtnahe Gebiet oft zu keiner sonderlichen Genusstour. Am Abend ist das fast schon schwarz gefärbte Radtrikot ein Hinweis dafür, wie sehr Mensch und Umwelt an dem Hunger nach billiger und schneller Energie leiden. Das Radtrikot scheint dabei die Rolle des Rußpartikelfilters zu übernehmen, der in vielen alten LKWs anscheinend nicht verbaut wurde. Wir hielten am Abend bei einem Restaurant in einer Industriegegend, bei dem wir sofort auf Deutsch angesprochen wurden. Ein freundlicher Herr, dessen Deutsch nicht besser sein konnte, erklärte uns einige Wege und Plätze in der Türkei, an denen wir vorbei schauen sollten. Aufgrund seiner Erfahrung im Auto Rennsport in der Offroadszene bestätigte er uns nochmal, dass die von Simon geplante Route über den Göreme Nationalpark nahezu ideal sei. Er gab uns seine Nummer im Falle, dass wir einen Übersetzer bräuchten mit der Begründung: “ Wisst’s eh, manche Leute checken einfach gar nix. Da bist oft mit Händen und Füßen auch verloren!“ Er gab uns zudem die Nummer und Adresse von seinem Freund Mustafa, dessen Namen er erwähnte und lachte:“ Mustafa. Den Namen kennt’s eh oder?“ Mit seinem Lachen musste man einfach mit lachen. Der Zeltplatz für den folgenden Abend, den er uns empfahl, erwies sich als gute Option. Seinem Freund, der das Lokal erst vor 2 Tagen eröffnet hatte, wünschen wir eine erfolgreiche Zukunft.
Als wir am nächsten Tag einen Teil der Tagesetappe bereits zurückgelegt hatten, wurden wir an einer Tankstelle von ein paar Leuten zum Tee (Ćay) eingeladen und ein Herr kam uns mit zwei Schokoriegeln zur Stärkung entgegen.
 Die Kräftigung in Form von Kohlenhydraten erwies sich als sehr nützlich, denn wenig später folgte ein langer Anstieg mit Steigungsraten zwischen 5-7% (eigentlich ganz angenehm mit dem Rennrad). Nach einer Stärkung in der Stadt Balu erreichten wir schließlich abends bei angenehmen Temperaturen von 21 Grad Celsius das türkische Hochland. Von nun an würden wir uns fast ausschließlich zwischen 1000 und 1500 Metern über dem Meeresspiegel aufhalten. Wir schlugen unsere Zelte bei einem See in Yenićaga auf, bei dem uns Fischer an ihr Feuer einluden. Wir sagten allerdings dankend ab, da eine Kohlenstoffdioxidvergiftung nicht in Kauf genommen werden wollte. Nur wenig später erkannten wir einen möglichen Sinn in der starken gewollten Rauchentwicklung der Lagerfeuer: „Es sollte vielleicht die vielen Mücken fernhalten, die über uns herfielen, bis wir unsere Zufluchtsstätten aufgebaut hatten.“
Nach einem Kaffee, den wir zu Klängen von Pink Floyd, Stevie Wonder und weiteren Künstlern genossen, starteten wir in ein Gebiet, das mich richtig an Zuhause erinnerte. Die Höhenlage von 1500 Metern, die frische Luft, die Klänge der Kuhglocken und die Vegetation ließen uns glauben, wir wären in Österreich unterwegs. Nach einer saftigen Stärkung mit reifem Obst wurde uns vom Obsthändler noch Brot und Tee angeboten. Am Abend suchten wir uns ein billiges Hotel kurz vor Ankara. 
Nach einem richtigen „Wadenbeißer“ (159km und 1900hm) durch die wunderschöne und kaum befahrene Gegend von Anatolien kamen wir erst spät am Abend, nach Einbruch der Dunkelheit, bei einem Hotel im kleinen Städtchen Kaman an. Als das Hotel, das wir anfuhren, unglücklicherweise voll war, fragte der Hotelier, woher wir kämen. Wenige Sekunden später hatte Simon bereits ein Telefon in die Hand gedrückt bekommen und fragt den Herren am anderen Ende der Leitung:“ Do you speak English?“ „No“, antwortete der Herr. „Kaunst eh Deitsch mit mir reden. I bin a Wiener“, fügt er hinzu. Später sagt er:“ Ich habe dem Hotelier gesagt, er soll vorfahren und euch zum Hotel bringen, das noch Plätze frei haben sollte.“ Danach folgte erst der richtige „Wadenbrenner“, denn der Typ fuhr mit seinem Auto derart schnell vor, dass ich Mühe hatte, Sichtkontakt mit Simon zu halten, der anscheinend immer noch bei guten Kräften war. Das Hotel hatte wirklich noch Betten frei. Beim Abendessen in der kleinen Stadt fragt uns plötzlich jemand am Nebentisch:“ Soll ich euch Übersetzen?“. Ein gebürtiger Türke, der schon seit längerer Zeit in Berlin lebte und seine Familie besuchte. Er erkundigte sich auch sofort nach dem Preis, den wir für das Hotel bezahlt hatten, um sicher zu gehen, dass wir nicht über den Tisch gezogen wurden. „Als Tourist muss man in Städten immer vorsichtig sein. Da gibts oft Spezialpreise für Touristen!“, warnt er. Das wurde uns eh bereits vorher von einigen Türken erklärt. Er gibt uns noch auf den Weg mit:“ Seid vorsichtig im Osten. Da wird man euch nicht immer mit dem nötigen Respekt entgegen treten. Die Leute in dieser Region sind äußerst skeptisch gegenüber Neuem. Aber sobald die Menschen bemerken, dass sie nichts Böses von euch erwarten müssen, werdet ihr keine Probleme haben.“ Das hat uns auch schon Ćan aus Istanbul geraten. Wir werden es zu Herzen nehmen und gleichzeitig versuchen ohne Vorurteile in den Osten zu reisen. 
Am nächsten Morgen brachen wir zur Schlussetappe vor einer mehrtägigen Pause auf. Ziel war der Nationalpark Geröme in Kappadokien. Das Witzige, das uns Beide an diesem Tag auffiel: Wenn wir mit unseren bepackten Rädern durch die goldbraune Hügellandschaft rollten und dabei auf eine Gruppe von Einheimischen am Straßenrand stießen, reagierten die meisten ähnlich. Nach einer kurzen Phase des Starrens und einem anschließenden Gruß von unserer Seite, hoben alle synchron die Hand. Das erinnerte mich irgendwie an ein Musikvideo des Künstlers Moby, der uns mit seinen Klängen, die irgendwo zwischen Trauer und Hoffnung einzuordnen sind, oft musikalisch begleitet. Vielleicht war es die interessante Landschaft (die mich an eine Mondlandschaft erinnerte), die mich an das Video erinnerte:
Kurz vor Ankunft im Göreme betrieben wir mit einem Obsthändler an der Straße noch Tauschhandel, wie es früher im Orient beim Export der ganzen Gewürze üblich sein musste: Der Obsthändler schenkte uns vorher ein Stück Melone. Wir revanchierten uns mit ein paar getrockneten Marillen aus unserem Rucksack. 
Die letzten drei Tage entspannten wir auf einem Campingplatz im Ort Göreme, der direkt im Nationalpark liegt. Das selbst zubereitete Früstück mit Gemüse aus dem Garten und Marillenmarmelade von der Mama des Campingplatzbesitzers werden uns ebenso ewig in Erinnerung bleiben, wie die Besichtigung einer unterirdischen Stadt, die Balloonfahrt über dem Nationalpark und die bizarr anmutenden Landschaftsformationen des Nationalparks.
Gegenwärtig erscheint es uns als hätten wir Österreich vor einer Ewigkeit verlassen. Obwohl wir insgesamt seit etwas mehr als einem Monat unterwegs sind, fühlt es sich wesentlich länger an. Wenn wir Bilder von Kroatien oder Albanien anschauen, dann wird einem klar, wieviele Eindrücke zwischen diesen vergangenen Tagen und dem Jetzt angesammelt wurden. 
Gestern am Abend hat sich wieder eine sehr nette Geste zugetragen, als wir in der Küche des Campingplatzes unser Essen zubereiteten. Eine türkische Familie, die traditionelles Essen mit Ayran (einem salzigen Joghurtgetränk) zubereitete, stellte uns einen Teller ihres Essens her, um uns ein wenig türkische Essenskultur zu vermitteln. Dazu tranken wir von der Familie zubereitetes Ayran. Generell fällt mir auf, dass die Türken zwar einen sehr ausgeprägten Nationalstolz haben, aber extrem gastfreundlich auf uns wirken. Mit Englisch kommt man in den untouristischen Gegenden, in denen wir meistens unterwegs sind, nicht weit. Dafür funktioniert es recht gut mit Händen und Füßen. Nur eine Minderheit von geschätzt 5% der Frauen trägt hier ein Kopftuch. Ob Frauen Kopftücher tragen oder nicht, hängt stark von dem Grad der Religiosität ab. Bis zu diesem Zeitpunkt durften wir fast ausschließlich positive Erfahrungen im Orient machen.
Der weitere Plan sieht vor, dass wir in einer Streckenetappe (ca. 5-6 Tage) nach Erzurum fahren, um dort das Visum für den Iran abzuholen. Wenn alles planmäßig läuft, sollten wir nach einer kurzen Pause in Erzurum (während wir auf die Visumsbearbeitung warten) in einer weiteren Etappe bis nach Tabriz im Iran kommen. 
Die Zahlen der Woche lauten:
744 km, 7169 hm, 31:17 h   Zusatzzahl: 5. (fünf gefahrenen Etappen)
Wir stehen somit insgesamt bei 3139 km, 26747 hm und 138:44 h im Sattel.
(Alle Angaben ohne Gewähr)
Anbei ein paar Bilder:

Ein Kommentar zu „Keine Gnade für die Wade (von Istanbul bis Kappadokien)

  1. Also wir hier im Bodental haben solche Steinformationen für das Fotoshooting nicht zur Verfügung……
    Ansonsten klingt ja alles sehr sehr toll. Wie schon immer. Weiter so und vertraut auf eue freundliche Art, die euch auch im Osten die Herzen zufliegen lassen wird.

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