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Vom Okzident in den Orient

Die letzten Tage in Griechenland:
 
Nach zwei erholsamen Tagen in Thessaloniki und einer Stärkung bei dem Gyros-Menschen unseres Vertrauens, machten wir uns auf den Weg nach Kavala. Die geschmacklichen Erlebnisse die uns „Papadropoulos“ bereitete, werden uns in Erinnerung bleiben.
Auf den Weg dorthin erwies sich ein einheimischer Rennradfahrer als sehr dankbar, als wir ihm unsere Hilfe bei einer Reifenpanne anboten. Der komplette Senkrechtstarter, der sich erst wenige Wochen zuvor ein Rennrad gekauft hatte und jetzt schon eine mehrtägige Tour in der Hitze Griechenlands wagte, war dann ein paar Stunden später auch wieder froh, als wir mit Datteln aus Simon’s Rucksack seinen Unterzucker stillten. Das wird wohl auch ihm in Erinnerung bleiben. „Diese Erfahrungen muss jeder am Rennrad mal machen“, dachte ich mir.
Als wir gegen Abend erneut auf einen Gyros neben der Straße stoppten, sah ich beim Bestellen bereits aus den Augenwinkeln, dass zwei Herren neben Simon’s Rad standen und mit ihm sprachen. „Iran!!“, sagte der etwas dickere, ältere(weisere)  und bärtigere der Beiden immer wieder laut, so dass ich es bis zur Gyros-Theke vernehmen konnte. Er schüttelte dabei immer wieder den Kopf und hatte die Schulter von Simon fest im Griff. Für beide schien unser Vorhaben äußerst faszinierend zu sein.  Die ganze Versammlung der Gyros-Bude winkte uns abschließend nach und wünschte uns „Viel Glück“ auf unserer Reise. Solche Begegnungen sind alles andere als selten. Oft bekommen wir von vorbeifahrenden Autos mit einem Daumen hoch ein „gefällt mir“ signalisiert oder werden von Passanten auf der Straße angesprochen. Es ist oft wirklich ein Kinderspiel mit Einheimischen in Kontakt zu treten.
Der nächste Tag startete mit einer ähnlich positiven Reaktion wie der Tag zuvor geendet hatte. Als ich mein Rad an einen Zaun neben einem Schotterweg  anlehnte, um die Satteltaschen zu montieren, fragte plötzlich ein Mann mittleren Alters, der auf einem Motorrad mit der Aufschrift „Coast Guard“ unterwegs war. „Coast Guard. Can I help you?/Küstenwache. Kann ich Ihnen helfen?“. Nach einem kurzen Gespräch über Herkunft und userem weiteren Reiseplan reichte mir der Mann die Hand und sagte:“You are great guys/Ihr seid großartig Leute“. Seien wir mal erhlich: Wer hört das nicht gerne in den frühen Morgenstunden? Ein wenig positiver Zuspruch hat glaube ich noch niemanden geschadet. Auf Empfehlung einiger Hostel-Gäste in Thessaloniki nahmen wir von Alexandroupoli die Fähre nach Samothraki, einer kleinen gebirgigen und wasserreichen Insel, von der wir zuvor noch nie etwas gehört hatten.
Auf der Insel angekommen, schien „Zeit“ plötzlich nur mehr eine untergeordnete Rolle zu spielen. Atemberaubende Wiesenlandschaften auf der sich ganze Schafsherden keinen Zentimeter zu bewegen schienen. Autos die im Schneckentempo überholten. Auf der rechten Seite das Meer. Zu unserer Linken eine 1700 Meter hohe und schroffe Gebirgserhöhung.
Nach einer Nacht im Zelt neben einer verfallenen Kirche bekamen wir ein seltenes Naturphänomen zu sehen. Ein Spektakel, das auch auf der Kanareninsel La Palma zu bestaunen ist. Ein Wasserfall aus Wolken (Wasserkondensat), das mit dem Wind förmlich über den Gebirgskamm floss.
Zu unserer Überraschung war der Campingplatz auf dem wir die kommende Nacht verbrachten kostenlos. Die Haupteinnahmen stammten wohl aus dem Supermarkt des Campingplatzes, in dem die ganzen jungen Leute sich bereit zeigten, den ein oder anderen Euro liegen zu lassen. Ein super Geschäftskonzept, das speziell jungen Menschen mit wenig Bedürfnissen, viel Zeit und wenig Geld zu Gute kommt. Die Atmosphäre zwischen den Zelten direkt am Meer war auch richtig angenehm.
Über die Infrastruktur konnten sich selbst Berufsnörgler nicht beschweren, denn wie heißt es so schön: „Einem geschenkten Gaul, schaut man nicht ins Maul!“
Richtig lustig wird es, als plötzlich eine junge und gutaussehende Dame völlig nackt vor uns beginnt ihre Yoga-Übungen zu machen, während wir unsere Spaghetti mit Fleischbällchen und Feta zubereiteten. (Wie wohl jeder weiß sind es meistens nicht die jungen, gutaussehenden Ladies, die nackt am Strand posieren haha). Wir schafften es trotzdem irgendwie nicht allzu nervös umherzuschauen und versuchten, uns auf die eigenen Fleischbällchen zu konzentrieren. Das Foto ersparen wir uns, denn für Zensurarbeiten blieb leider keine Zeit.
Die Entscheidung, auf diese Insel gefahren zu sein, bereuen wir nach all den tollen Eindrücken nicht.
Fahrt in die Türkei:
 
Die zwei darauf folgenden Tage waren psychisch sehr zermürbend, da ein ununterbrochener starker Gegenwind verhinderte, dass wir Geschwindigkeit von mehr als 17-20 kmh (selbst im Flachen) fahren konnten. Glücklicherweise gerieten wir abends in der Türkei, nach viel Spaß an der türkischen Grenze mit den Beamten, die uns als verrückt bezeichneten, uns aber trotzdem ein „Stampa“ gaben, in eine angenehme Runde von pensionierten Männern, die nach wenigen Minuten einen Dolmetscher organisierten. Ein Türke eilte herbei, der 18 Jahre lang in Deutschland gelebt hatte. Nach der Einladung zum Tee und einer kurzen Routenbesprechung mit den Einheimischen zeigte uns der Dolmetscher ein Restaurant und bestellte uns zu essen.
 Als während des Bestellens plötzlich der Muezzin aus den Lautsprechern der Moschee erschallte, wurde mir erst bewusst, dass wir bald ab Istanbul auf einem anderen Kontinent fahren werden. Eigentlich schon ein krasser Gedanke. Mir fiel dazu nur eine passende Filmszene ein:
„Aber warum machen Sie das?“
„Wir hatten einfach Lust zum Radfahren.“
Auf Empfehlung unseres privaten Übersetzers schlugen wir unsere Zelte bei einer nahegelegenen Tankstelle auf. Die Männer die dort arbeiteten, räumten uns sofort eine Sitzbank auf die Seite, um uns einen Schlafplatz zu schaffen. Wir besorgten uns ein Frühstück aus der Tankstelle (Leberkässemmerl gab es leider keines haha). Der Chef brachte uns als Zeichen der Gastfreundschaft noch einen türkischen Tee an die Zelte.
Dass man nach all diesen positiven Begegnungen nicht ganz auf die in der Einleitung genannten „Arschlöcher“ vergessen darf, bewies eine Begegnung nach der Weiterfahrt, als uns der Beifahrer eines PKWs nach einem Hupkonzert mit Wasser beschüttete. Obwohl es für uns eigentlich nur eine angenehme Abkühlung war, müsste er doch nicht so verschwenderisch mit den natürlichen Ressourcen umgehen haha. Mir kam in diesem Moment eine bekannte Aussage von Herbert „Schneckerl“ Prohaska ein, ohne weiter darauf einzugehen haha. (Insider wissen Bescheid haha).
Als wir durch den permanentem Gegenwind ziemlich müde in Silivri ankamen, erspähte Simon einen traumhaften Schlafplatz auf einer Terrasse eines 3-stöckigen modernen Hauses, bei dem der Bau von einem auf den anderen Tag eingestellt worden zu sein schien. Wir genossen die ruhige, sternenklare Nacht mit Blick auf den Mond, die Sterne, das Meer und zu unserer Linken auf die Stadt, aus der um 21:45 der Muezzin Gesang ein Vorbote für den Orient war.
Als ich morgens vom Strand zurückkam, deutete mir Simon von einem Platz hinter einer Wand rüber. Der Nachbar aus dem gegenüberliegenden Wohnblock habe wie ein Irrer getobt, wir sollen uns hier aus dem Staub machen. Als wir uns nach einigen Minuten Überlegpause aus unserem Sichtschutz wagten, war auch ich überzeugt davon, dass es sich um einen chronischen Schwitzer und Troublemaker handle. Eine klassische Nebenerscheinung von chronischer Langeweile, die oftmals ältere Menschen aus Siedlungsgebieten befällt, die dann den ganzen Tag aus dem Fenster darauf warten, bis sich etwas ereignet, das zur Anzeige bei der Polizei rechtfertigt. Nicht ganz so lustig in der Türkei die Polizei gegen sich zu haben, deshalb beschlossen wir, hartnäckig die Situation zu erklären. Glücklicherweise kam sein Sohn auf dem Balkon zur Hilfe und entschärfte die Situation durch Aufklärung.
Als ich dann noch auf dem Pannenstreifen einer Schnellstraße aufgrund einer kleinen Unkonzentriertheit am Hinterrad von Simon streifte und zu Sturz kam, war zumindest mir klar, dass heute ein Tag der Extremen werden würde.
Die Fahrt durch Istanbul selbst, die Millionenmetropole die durch den Bosporus den Okzident vom Orient trennt und dessen Verkehr viele als absolutes Chaos beschreiben, kam uns eigentlich nicht so schlimm vor. Die Devise lautete, sich durch kompromissloses und selbstbewusstes Fahren den Platz einzuräumen, der einem auch als Radfahrer zusteht. Simon bringts ein wenig überspitzt auf den Punkt: „Man darf den Autofahrern oft keine Wahl lassen. Entweder sie überfahren dich oder sie bleiben hinter dir.“ Solche Situationen waren mir bereits aus dem Stadtverkehr der vietnamesischen Metropolen Ho Chi Minh und Hanoi bekannt. Je mehr Freiraum man bestimmten Menschen gibt, desto mehr werden sie sich nehmen. Das führt dann oft zu richtig knappen Überholaktionen. Also besser kompromisslos und selbstbewusst als unter den Rädern.
Da die Bosporus-Brücke für Fahrräder gesperrt ist, nahmen wir eine Fähre, dessen Fahrt nur wenige Minuten dauerte. Nun erreichten wir schließlich den asiatischen Kontinent ohne „Patschen“ und ohne gröbere Körperverletzung.
Ein junges türkisches Ehepaar brachte uns übers Wochenende unter. In einer richtig noblen Unterkunft hatten wir unser eigenes Zimmer+Bad und Dicle bekochte uns wie Götter in Frankreich.
Zahlen und Fakten
Für die Freunde der Zahlen und (alternativen) Fakten noch ein kleines Update:
Um von Leoben nach Istanbul zu fahren brauchten wir nun 24 Tage, 19 davon am Rad. Dabei haben wir 2397 km in 107:25 h zurückgelegt und 19576 Höhenmeter überwunden. Somit haben wir unsere im Vorhinein selbst geschätzte Wochenleistung von 600 km/Woche um 100 km/Woche verfehlt😜 (es sind nämlich 700 geworden…)
Anbei noch ein paar Eindrücke:
Kurzer Nachtrag aus Istanbul:

Eigentlich wäre der Plan gewesen, heute Istanbul nach einem kurzen Radmechanikerbesuch Richtung Göreme Nationalpark zu verlassen. Aufgrund von Ersatzteilmangel leitete uns ein Mitarbeiter eines Radshops allerdings an einen Freund weiter. Nach telefonischer Absprache der Beiden haben wir nun morgen in der Früh einen Termin. Die Krönung: Die Ersatzkette hat der Typ vom Radshop uns bereits für den Besuch bei seinem Mechaniker-Kollegen mitgegeben. Bezahlen sollten wir dann einfach, sobald sie montiert ist, bei seinem Freund. Ohne irgendwelche Daten basiert das Alles auf Vertrauen. Richtig coole Geste. Als wir danach den ganzen Schmutz und das Salz, das sich durch die Fährenfahrten auf den Rädern abgelagert hatte, bei einer Tankstelle abwaschen wollten, gabelten sich zwei Angestellte der Waschstraße schnell unsere Räder und putzten sie in nur wenigen Minuten sauber. Verlangen wollten sie dafür nichts. Ein kleines Trinkgeld von 1,20€ haben wir ihnen aber doch gegeben. Jetzt müssen wir unglücklicherweise noch eine Nacht im selben Hostel bleiben, das sich als vermeintlicher Geheimtipp für junge Leute in Istanbul herausgestellt hat. Die Jugendherberge mit einer Bar auf dem Dach, in der man selbst gekaufte Getränke mit Blick auf den Bosporus konsumieren darf, ein super Frühstück inkludiert und zentral gelegen ist, kann man für 9,80€ pro Nacht nur weiterempfehlen. Das Leben meint es wieder mal richtig hart mit uns. 😄 Hoch lebe Istanbul!!

7 Kommentare zu „Vom Okzident in den Orient

  1. Grandios das Foto von euch vor der Hagia Sophia!!!! Und schön von euren Erlebnissen und Eindrücken zu lesen. Ihr seid ja wahrlich Botschafter der Völkerverständigung. Man hat fast das Gefühl, dass das Gute vielleicht doch noch auf der Welt siegen könnte….

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  2. Lieber Alex, lieber Simon,

    Es ist so unglaublich von euren Abenteuern und Erfahrungen zu lesen, ganz abgesehen von eurer sportlichen Leistung!!! Ich wünsche euch noch viele tolle Eindrücke und Erlebnisse. Passt auf euch auf! Liebe Grüße aus der Heimat! P.S.: Ali übers Yoga unterhalten wir uns noch 😂😂

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  3. Lieber Alex, lieber Simon,
    weiterhin, herzlichen Dank für lassen uns an eure Abenteur teilhaben 🙂 Sogar Mira (jetzt in Australien) sagt: Hey cool, danke fürs weiterleiten! 🙂 Wie Robert meint: das Foto von euch vor die Hagia Sophia ermittelt mehr als ein Millionen Wörter. Herrlich!

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    1. Übrigens, Alex, der Bild verrät auch technisches. Da mit dem neuen Gabel die Oberrohr immer noch komplett Waagerecht scheint, vermute ich das der Radstand wohl gleich geblieben ist, und daher das die kurzer Radstand (sprich Wendigkeit) gepaart mit die Ladung (sprich Trägheit) für einen ausgeglichen Fahrerlebnis sorgt. Du wirst wohl wissen. Euch beide weiterhin weit überwiegende tolle Erlebnisse wünscht…

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      1. Übrigens, Silivri wäre kein guter Platz die Polizei zu wecken. Dort steht der größte Gefängnis Europas 😉

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  4. Hallo! Mein lieber ehemaliger Chef Robert hat mir von Euch erzählt….
    Eine sehr beeindruckende Idee und Reise! Abgesehen von den tollen Bildern – Eure humorvollen, interessanten und sehr persönlichen Erzählungen bzw, Kommentare lassen einen wirklich hoffen, dass irgendwo noch das Gute in den Menschen schlummert.
    Möge es Euch immer gelingen, den Hunden (in welcher Gestalt sie auch auftauchen mögen) davonzuradeln und viel zu lachen!
    Alles Gute

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  5. danke für die geniale berichterstattung.
    schön gegenwärtig eure extravertierte und sportliche abenteuerlust mitzuverfolgen.
    wünsche euch beiden noch unzählige und positiv unvergessliche eindrücke auf eurem weg!
    lg robi

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